Orientierungshilfen der GEKE

Evangelische Akademie Tutzing

Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) – Leuenberger Kirchengemeinschaft haben sich 94 protestantische Kirchen in Europa (und in Südamerika) zusammengeschlossen. Lutherische, reformierte, unierte, methodistische und vorreformatorische Kirchen gewähren einander durch ihre Zustimmung zur Leuenberger Konkordie von 1973 Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Ihren Sitz hat die GEKE in Wien.

1. Bevor ich Dich im Mutterleib geformt habe (TEXT DEUTSCH: siehe Website GEKE unter DOCUMENTS unter Ethics) oder (Englisch: “Before I formed you in the womb…”)
Orientierungshilfe des Rates der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE) zur Reproduktionsmedizin
Neues Buch thematisiert ethische Fragen am Beginn des Lebens
Wien/Wittenberg (epdÖ) – Eine neue Orientierungshilfe zu ethischen Fragen der Reproduktionsmedizin hat der Rat der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) am vergangenen Donnerstag, 29. Juni, in Wittenberg präsentiert.
Der Titel der Orientierungshilfe „Bevor ich dich im Mutterleib gebildet habe …“ greift einen Vers aus dem Buch Jeremia auf. Die Bibel bildet dementsprechend einen wichtigen Bezugsrahmen für spezifisch „protestantische theologische und ethische Reflektionen und Argumentationsgrundlagen“ zum Thema Reproduktionsmedizin, wie es in einer Aussendung der GEKE heißt.
Ausgangspunkt des Buches ist die Analyse des gegenwärtigen „medizinischen, sozialen und politischen Kontextes, in dem sich Debatten zur Reproduktionsethik bewegen“. Der Blick fällt dabei auch auf sich verändernde Familienmodelle in einer pluralen Gesellschaft. Daran knüpft die systematische Grundlegung eines Argumentariums an, das unter anderem auf die „Rolle der Bibel für die evangelische Urteilsbildung“, den „moralischen Status des menschlichen Embryos“ und die „Debatte um moderne Konzepte von reproduktiver Autonomie und Kindeswohl“ eingeht.
Konkrete, aktuelle praktisch-ethische Themen wie In-vitro-Fertilisation, Embryonenspende, Leihmutterschaft oder Präimplantationsdiagnostik werden im zweiten Teil der Orientierungshilfe beleuchtet. Die Diskussion dieser Themenbereiche erfolgt immer, so die GEKE, unter Berücksichtigung rechtlicher und politischer Aspekte und setzt diese in Beziehung zu Fragen technischer Machbarkeit.
Die Autoren betonen, mit der Orientierungshilfe keinen Schlussstrich unter die vielfältige Diskussion zur Reproduktionsmedizin setzen zu wollen. So schreiben sie in ihrer Einleitung: „Die Orientierungshilfe setzt nicht voraus, dass zwischen den evangelischen Kirchen ein Konsens zu all den hier behandelten Fragen herrscht. Zu manchen Problemstellungen werden konkrete Lösungen vorgeschlagen, doch im Allgemeinen ist das Ziel, einen ‚Korridor‘ authentischer evangelischer Positionen zu entwerfen.“ Auch Bischof Michael Bünker, Generalsekretär der GEKE, unterstreicht in seinem gemeinsam mit GEKE-Präsident Gottfried Locher verfassten Vorwort, man sei sich bewusst, dass die medizinischen und technologischen Möglichkeiten fortschreiten werden und mit der jüngsten Publikation nicht das letzte Wort gesagt sei.
Die vom Fachkreis Ethik der GEKE im permanenten Austausch mit Fachgruppen wie TheologInnen, SeelsorgerInnen, medizinischem Personal und JuristInnen erarbeitete Orientierungshilfe wurde in den Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch veröffentlicht und ist auf www.cpce-repro-ethics.eu erhältlich.

2. Leben hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit (TEXT: siehe Website GEKE unter DOCUMENTS unter Ethics)

Eine Orientierungshilfe des Rates der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE) zu lebensverkürzenden Maßnahmen und zur Sorge um Sterbende, 2012
„Warum holt mich Gott nicht, ich bin bereit!“ klagte eine Patientin auf der Palliativstation. Immer wieder haben Frau E. und ich intensive Gespräche geführt über ‚das Sterben müssen’, ‚das Leben erhoffen’, ‚das Verzeihen wollen’. ‚Heilung finden’ war unser rote Faden. Sie und ihr Mann haben heilen können, was in den vergangenen Jahren in ihrer Beziehung brüchig war. Jetzt wäre es gut, wenn sie sterben könnte, möglichst mit wenigen Schmerzen. Bei meinem letzten Besuch erzählte mir ihr Mann, der inzwischen Tag und Nacht am Krankenbett saß, dass seine Frau dem Arzt gegenüber mehrmals wiederholt hatte: „Ich will sterben. Ich will sterben. Ich will sterben.“

Ich denke, dass betroffene Angehörige und Menschen, die in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen mit kranken und alten Menschen arbeiten, ähnliche Erfahrungen machen. Obgleich jedes Leben und jeder Tod individuell ist, wird heute der Wunsch, sterben zu wollen, anders als vor 200 Jahren gehört. Wann Leben anfängt und wann es zu Ende geht, überlassen wir – zumindest in den wohlhabenden Gesellschaften – heute  nicht mehr allein Gott, der Natur, oder ‚dem Lauf der Dinge’. Moderne Medizin und Biotechnologien stellen ein immer größeres Wissen und weitreichende Eingriffsmöglichkeiten zur Verfügung. Menschen können mehr tun, um Leben zu verlängern, aber sie müssen dies auch verantworten.

Der Arzt hat die Botschaft von Frau E. als Aufforderung gehört. In seiner Antwort wird die Not deutlich, in der er steht: „Das können wir nicht machen, da müssen Sie in die Schweiz fahren.“ Evangelische Kirchen in Europa sind in den gesellschaftlichen Diskurs der Sorge um Sterbende und den Möglichkeiten zu lebensverkürzenden Maßnahmen eingebunden und beziehen Stellung. Denn auch in der Schweiz wäre es nicht so einfach, „das zu machen“, und auch dort leben und arbeiten Christinnen und Christen und nehmen Kirchen Stellung zum dortigen Tun und Handeln.

Orientierungshilfe für Seelsorge und den Umgang mit Sterbenden

Der komplexe Diskussions- und Redaktionsprozess, der erstmals ‚a common voice of the Protestant churches in Europe’ erreicht, verdeutlicht die Ehrfurcht der GEKE für das Thema. Die Orientierungshilfe zeigt die Stärke des Protestantismus in Europa: Differenzen innerhalb verschiedener Kirchen wurden wahr und ernst genommen, in einer argumentativen Auseinandersetzung zur Sache diskutiert und in einem gemeinsamen Papier formuliert.
Auf rund 100 Seiten sind in acht Kapiteln grundlegende theologische Überlegungen zur „End-of-Life“-Diskussion zusammengetragen und ausgeführt. Im ersten Kapitel wird der Anlass erläutert, in den beiden folgenden (2. und 3.) folgt  die Einordnung des Themenfeldes in die heutigen gesellschaftlichen, klinischen und rechtlichen Kontexte und in den ökumenischen Rahmen. Ein viertes Kapitel beschreibt den theologischen und ethischen Hintergrund. Dieser ist getragen von der Einsicht in die uneingeschränkte und absolute Würde menschlichen Lebens: Mein Leben ist aus Gottes Hand empfangen und ist damit in Freiheit gegenüber einer ausschließlich weltlichen Festlegung oder angeborenen Eigenschaften. Mein Leben ist aus Gottes Hand empfangen und damit befreit inmitten der eigenen weltlichen Position und Beziehungen, dem Nächsten in Liebe zu dienen. In dieser Gottesebenbildlichkeit gründet sich die Würde menschlichen Lebens und ist unabhängig von seiner Funktionalität und Nützlichkeit. Sie ist weder durch einen Mangel an Produktivität beeinträchtigt noch durch das Gefühl vermindert, dass es keine Freude mehr bereitet. Verantwortung für das Leben zu übernehmen, heißt dann, es vor Schaden, Verletzung und Zerstörung zu schützen (wie im 5. Gebot geboten). Es bedeutet auch, sich um Mitmenschen zu kümmern, wie in den Evangelien vom Leben Jesu deutlich wird: Achtsamkeit, mitfühlende Bereitschaft, konkrete Handlungen der Hilfe und Unterstützung besonders für die Verwundbarsten (Arme, Verwitweten, Entrechtete, sozial Benachteiligte) und die Verantwortung, sich um Schwerkranke und Sterbende zu kümmern.

Gemeinsame Positionen auf konkrete Situationen im Klinikalltag
In den folgenden Kapitel (5-8) werden die ethischen Konsequenzen der Grundüberlegungen für konkrete Situationen im Klinikalltag ausgeführt: Therapieverzicht oder –fortsetzung, Wille des Patienten, Palliative Care, Behandlung und Sedierung, Töten auf Verlangen, Beihilfe zur Selbsttötung.
Das Papier bietet eine wertvolle Gesprächsgrundlage im Klinikalltag.
So wird der Abbruch oder die Vorenthaltung lebensverlängernder Behandlung „unter Umständen (...) als Bestandteil richtiger Pflege und des Mitgefühls“ geboten gesehen: „Es ist wichtig zu fragen, ob weitere Behandlung dem Patienten gut tun; das heißt: heilend, palliativ oder hinsichtlich der Verlängerung eines Lebens, das Qualität im christlichen Sinne besitzt (...)“ (GEKE, S. 11). Wesentliche Fragen für sterbenskranke PatientInnen und ihre Angehörige sind: Wann endet die kurativ angelegte aussichtlose Behandlung und wann kann mithilfe der Schmerzmedizin Lebensqualität zum Behandlungsziel gemacht werden? Viele Menschen, die mit einer PatientInnenverfügung beschäftigen, wünschen sich, dass sie nicht „mit allen Mitteln“ behandelt werden, wenn sie die Behandlung nicht mehr gesunden lässt.
Palliative Care, Behandlung und Sedierung werden als Fortschritte in der Forschung und klinischen Praxis gewürdigt, denn sie tragen zur Steigerung von Lebensqualität bei indem sie körperliche Schmerzen und Beschwerden lindern. Sie eröffnen in der letzten Lebensphase ein breiteres Feld am Umgang mit Krankheit und Tod und neue Beziehungsräume für PatientInnen und ihrer Angehörige, einschließlich ihrer psychosozialen und spirituellen Aspekte.

Eine Kultur der Solidarität mit den Sterbenden statt Legalisierung von Tötung auf Verlangen
Deutlich formuliert das Papier eine unzureichende Ausstattung moderner Gesellschaften, um auf qualvolle Sterbeprozesse eingehen zu können. Es sollten keine vorschnellen moralischen Urteile über Menschen, die eine Tötung auf Verlangen oder eine Beihilfe zur Selbsttötung suchen gemacht werden. Die Mitgliedskirchen der GEKE begreifen zwar die weitverbreitete Forderung von gesetzlicher Entkriminalisierung der Tötung auf Verlangen, diese aber als Reaktion auf diese unzureichende Situation wird als ethisch höchst problematisch und nicht zu rechtfertigen argumentiert. Seltene und extreme Fälle moralischer Tragödien sollten im rechtlichen Ausweg strafrechtlich nicht verfolgt werden, doch eine Legalisierung der Tötung auf Verlagen mache diese zu einem ‚gewöhnlichen und etablierten Element medizinischer und klinischer Praxis’ (S.14).
Das Papier plädiert für eine Kultur der Solidarität mit den Sterbenden. Es braucht den Protest, wenn rechtliche Barrieren, die Leben schützen, eingerissen werden. Es braucht adäquate ökonomische Ressourcen in Krankenhäusern und Hospizen, um bestmögliche Pflege zu ermöglichen. Es braucht ein Umfeld, das ein erfülltes Leben für jedes Mitglied der Gesellschaft, einschließlich der Sterbenden, unterstützt. Fürsorge und Selbstbestimmung, die sich auch gegen eine Behandlung entscheiden kann, bilden keinen Gegensatz.

Gerne bieten wir Ihnen mit einem Vortrag zu dieser Orientierungshilfe Angebot zum Gespräch

Kontakt: Pfarrer Mag. Arno Preis und Pfarrerin Mag.a Marietta Geuder-Mayrhofer